Schuljahre in Feldmoching

Schuljahre in Feldmoching (1948 – 1951)

auf­ge­zeich­net von Harald Landgraf

Nichts, was groß ist auf die­ser Welt, ist den Menschen geschenkt wor­den. 1940

Beim Lesen der stei­ner­nen Inschrift über dem Eingang der Feldmochinger Schule wird mei­ne Kindheit und Schulzeit kurz nach Kriegsende wie­der leben­dig. Es war eine arm­se­li­ge, düs­te­re Zeit.

Ich betrach­te die alten Klassenfotos, und es kommt mir vor, als ob wir Kinder von damals doch anders gewe­sen waren als die Jugend von heu­te. Manche sehen ver­dro­schen, bedrückt und ver­stört aus. In Gedanken höre ich wie­der, wie in der Klasse die Namen auf­ge­ru­fen wer­den. Der Vater? – ver­mißt – gefal­len. Und dann fällt mir das Lied aus Kindheitstagen wie­der ein: „Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg, die Mutter ist in Pommerland, und Pommerland ist abge­brannt. Maikäfer flieg…“ – Die Flüchtlingskinder in unse­rer Klasse waren in den vor­he­ri­gen Kriegsgefangenenlagern in der Fasanerie unter­ge­bracht. Ich den­ke an Willi, einen mei­ner Spielkameraden aus dem Lager. Er hat­te ein höl­zer­nes Bein ab dem Knie. Sein vie­les Spielzeug aus Holz konnt ihm das feh­len­de Bein nicht erset­zen. Die Erinnerung an die Wohnraumbeschlagnahme für Ausgebomte bei uns im Hause reißt mich aus der Grübelei her­aus. Ich sehe wie­der den Schulanfang vor mir.

In der ers­ten und teil­wei­se zwei­ten Klasse hat­te ich Lehrerin Weitl im Unterricht. Das Klassenzimmer war über­füllt. Fast 60 Schüler saßen in drei lan­gen Bankreihen hin­ter­ein­an­der. Im Laufe der Zeit wur­den wir nach der Begabung zusam­men­ge­setzt. In der rech­ten Reihe bei der Türe saßen die bes­se­ren Schüler, in der mitt­le­ren die durch­schnitt­li­chen und in der lin­ken Reihe beim Fenster die schlech­ten Schüler.

Lehrerin Weitl habe ich als sanft­mü­ti­ge, gefühl­vol­le, lie­bens­wer­te Frau in Erinnerung. Ich sehe sie heu­te noch in Gedanken im Musikraum am Klavier sit­zen. Wir muß­ten das Lied ler­nen: „Grün, grün, grün sind alle mein Kleider, grün, grün, grün ist alles was ich hab, weil mein Schatz ein Jäger, Jäger ist.“ Das wur­de in allen Farben durch­ge­sun­gen, jeder konn­te sich dazu einen ande­ren Schatz aus­den­ken. Am Ende mel­de­te sich der Körprich Rudi, er war der Lustigste in der Klasse: „Grau, grau, grau sind alle mei­ne Kleider…“ – Lehrerin Weitl am Klavier beglei­tend, stutz­te. – „Grau, grau, grau ist alles was ich hab, weil mein Schatz – ein Geist ist.“ Und dann ist er lachend ganz schnell davon­ge­lau­fen.

Ein Schulausflug kommt mir in den Sinn. Wir gin­gen zu Fuß durchs Moos ins Schwarzhölzl. Bei einem Föhrenwald neben einem Bach haben wir zum Essen Pause gemacht. Der Giesiebl Helmut, der in der Klasse hin­ter mir saß, hat als ein­zi­ger auch an sei­ne Mutter gedacht. Für sie hat er „Reiseandenken“ gesam­melt – gewöhn­li­che Kieselsteine, die er in sei­ne Brotzeittasche ein­füll­te und mit nach Hause nahm, um ihr eine Freude zu berei­ten.

Zum Schulbeginn, im Jahre 1948, tru­gen man­che mei­ner Schulkameraden noch die soli­den Ledergürtel der Hitlerjugend, mit Hakenkreuzschloß. Lehrerin Weitl war dar­über ent­setzt und hat es ver­bo­ten. Zu groß war die Furcht vor einer Kontrolle der ame­ri­ka­ni­schen Besatzungsmacht. –

Doch damals hat man ein­fach alles irgend­wie Brauchbare wei­ter­ver­wen­det, was der Krieg übrig gelas­sen hat­te, denn kau­fen konn­te man kaum etwas. Die Reichsmark war nichts mehr wert, und die Lebensmittelmarken bis zur Währungsreform reich­ten kaum aus zur Ernährung. Meine Eltern hat­ten für den Gemüseanbau ein Ruinengrundstück im Eggarten zuge­wie­sen bekom­men und ein Stück Acker mit vie­len Wühlmäusen beim eins­ti­gen Lager. Für das Fleisch hat­ten wir einen Hasenstall im Hof. Im Sommer gin­gen wir zum „Ähern“, zum Ährensammeln auf den gemäh­ten Feldern. Aber die Bauern hat­ten so wenig übrig­ge­las­sen, daß man nach einem gan­zen Nachmittag nur ein Ährenbüschel zusam­men­ge­sucht hat­te, das leicht auf dem Fahrradgepäckträger nach Hause gebracht wer­den konn­te. Immerhin hat­te mei­ne Mutter auf die­se Weise ein Säckchen Getreidekörner, die sie auf dem Ofen für den Kaffee rös­ten konn­te.

Aber ein­mal hat­te sie etwas mehr Glück. Rollen doch eines Tages mit­ten im Sommer in einer rie­si­gen Staubwolke zwei ame­ri­ka­ni­sche Armeelaster durch die Himmelschlüsselstraße, in der ich wohn­te, hoch bela­den mit Säcken, über­que­ren die Bahn, und fah­ren direkt zum Ackermannsee (heu­te Fasaneriesee) bis zu einem Steilufer. Dort kip­pen sie ihre Fracht in den See. Es waren Säcke mit ver­dor­be­nem Mehl. Die Nachricht hat sich blitz­ar­tig in der Fasanerie ver­brei­tet – damals ganz ohne Telefon. Meine Mutter hat, ohne zu über­le­gen alles lie­gen und ste­hen­ge­las­sen, sofort die Einkaufstasche und einen Teigschaber ergrif­fen und ist schnells­tens auf einem Abkürzungsweg zum Baggersee gera­delt. Natürlich hat­ten die Badenden längst alle Säcke, die nicht ins Wasser gerutscht waren, beschlag­nahmt. Jedoch waren vie­le der Säcke auf­ge­platzt im Wasser gele­gen. Meine Mutter ist gleich mit­samt den Kleidern bis zum Bauch hin­ein­ge­gan­gen und hat den nas­sen Mehlbrei vom Grund in ihre Einkaufstasche geschöpft. Zu Hause wur­de das Mehl getrock­net und die Mehlwürmer wur­den aus­ge­siebt. Und dann buck mei­ne Mutter wohl­schme­cken­de Weihnachtsplätzchen mit­ten im Sommer …

Kohlen zum Heizen gab es kaum. Die Hausbewohner haben irgend­wann einen Lastwagen auf­ge­trie­ben, wohl einen Holzvergaser, denn Benzin gab es fast nicht mehr, um damit Bruchholz aus dem Wald von Grafrath zu holen. Dieser Wald wur­de nach einem schwe­ren Luftangriff auf München durch den nach­fol­gen­den Feuersturm umge­ris­sen.

Später wur­den rie­si­ge Flugzeug-Propeller mit höl­zer­nen Flügelblättern, wahr­schein­lich von Bombern, auf der Wiese neben dem Hause abge­la­den, zum Zersägen und Verheizen. Am bes­ten aber brann­te die Wachsverpackung ame­ri­ka­ni­scher Armeekisten, die in die Grube an der Lerchenauer Straße neben der Bahn gekippt wur­den.

Da muß ich wie­der an unse­ren Küchenherd den­ken. Die eine Hälfte war für eine klei­ne Kohlenfeuerung, die aber nur wenig wärm­te, mit Ringen, die man aus der Herdplatte her­aus­hob, um die Töpfe über das offe­ne Feuer set­zen zu kön­nen, die ande­re Hälfte hat­te drei elek­tri­sche Kochplatten. Die ers­te Platte war sehr groß und brauch­te zuviel Strom, die zwei­te ging gar nicht, und die drit­te wur­de zwar etwas warm, jedoch muß­te man sie vor­her rüt­teln, denn sie steck­te gefähr­lich locker in der Herdplatte. Noch mehr behin­dert wur­de das Kochen durch häu­fi­ge Stromsperren. – Glaube aber nie­mand, die Fasanerie wäre bei Stromausfall nachts in völ­li­ge Finsternis ver­sun­ken – nein! Dafür hat­te man in allen Haushalten schon Kerzen bereit­ge­hal­ten – aber einer im Orte hat­te doch tat­säch­lich trotz tota­ler Stromsperre immer rich­ti­ges elek­tri­sches Licht – und das war aus­ge­rech­net auch noch dazu einer der Ärmsten! Dies war so auf­se­hen­er­re­gend, daß es gleich über­all bere­det wur­de, und jeder muß­te die­ses Wunder unbe­dingt gese­hen haben. Er haus­te in einer schie­fen, feuch­ten Bretterhütte in der hin­ters­ten Fasanerie am Reigersbach, fern der Lichtleitung. Dort hat­te er sich ein höl­zer­nes Wasserrad gebaut, in den Bach hin­ein­ge­stellt und ver­mut­lich damit einen Fahrraddynamo ange­trie­ben, der ein win­zi­ges Lämpchen in sei­ner Hütte zum Leuchten brach­te …

Auch zwei Weihnachten nach dem Kriege kom­men mir wie­der in Erinnerung. Das ers­te war für mich äußerst beschei­den: ein Stofftier und ein ble­cher­ner Kran, der auf den Filter einer Gasmaske auf­ge­setzt wor­den war. Beim zwei­ten Weihnachten bekam ich tat­säch­lich eine klei­ne ble­cher­ne Eisenbahn zum Aufziehen. Mein Vater hat­te sie gegen eine sil­ber­ne Uhr ein­ge­tauscht.

Später muß­te ich an Weihnachten beim Aufstellen des Christbaumes hel­fen. Wir hat­ten einen alten Christbaumständer, eine run­de Zementplatte mit einem Rohr in der Mitte, das jedoch sehr locker war. Trotz vie­ler Keile stand der Baum immer schief – ein uner­träg­li­cher Anblick für mei­nen Vater. Deshalb hol­ten wir den Küchenhocker, dreh­ten ihn um und ban­den den Baum mit Draht und Schnüren an den Füßen fest und ver­deck­ten die­sen wacke­li­gen Pfusch mit einem Tischtuche – ver­geb­lich. Schließlich sag­te mein Vater zu mir: „Weißt du was? Schenken wir uns zu Weihnachten einen Christbaumständer…“

Bei den „Hamsterfahrten“ zu den Bauern aufs Land, etwa im Güterzug mit offe­nen Waggons bis nach Langenbach in Niederbayern, brauch­te man etwas zum Tauschen. So hat mein Vater für Weihnachten Wachskerzen gezo­gen und die­se an – wahr­schein­lich auch Feldmochinger – Bauern ver­tauscht. Hierfür war ein glä­ser­nes Tablettenröhrchen nötig mit einem dar­in ver­senk­ten Docht. Was aber tun, wenn es gar kein Wachs gibt, von einem Dochte gar nicht zu reden? Mein Vater hat in einem Topf irgend­ei­ne uner­klär­ba­re Masse zusam­men­ge­kne­tet und dar­aus die Kerzen gegos­sen. Beim Weihnachtsfest sind die­se Kerzen auf unse­rem eige­nen Christbaum sofort erlo­schen – und bei den Bauern sicher­lich auch.

Aus die­ser Hamsterzeit ist noch ein Kinderbuch erhal­ten geblie­ben, für das mei­ne Mutter Gedichte geschrie­ben und mein Vater die Bilder gezeich­net hat­te. Die Seiten wur­den durch Lichtpausen ver­viel­fäl­tigt und gebun­den. Dann kamen die Kinder aus der Nachbarschaft und hal­fen alle mit beim Anmalen der Zeichnungen. –

In der ers­ten Klasse begann auch der Religionsunterricht beim Geistlichen Rat, ein älte­rer, dick­li­cher, schwarz geklei­de­ter Herr. An die ers­te Stunde erin­ne­re ich mich noch genau. Wir zeich­ne­ten die Stadtansicht von Jerusalem. Das hat mich sehr beein­druckt. – Aber der Geistliche Rat erwar­te­te auch, daß wir jede Woche ein­mal zum Schulgottesdienste erschie­nen, vor dem Unterricht. Im Religionsunterricht muß­te dann jeder auf­ste­hen, der nicht im Schulgottesdienst gewe­sen war. Und der Geistliche Rat hat gedroht: „Ich wer­de euch schon noch kreu­zi­gen!“ Ich gehör­te natür­lich immer dazu, ver­ständ­lich, denn ich hat­te ja einen Schulweg von etwa einer Stunde von der Fasanerie bis nach Feldmoching.

Ganz rein katho­lisch war unse­re Klasse nicht. Ein Schüler war evan­ge­lisch. Der muß­te zum Religionsunterricht in das älte­re Schulhaus hin­über­ge­hen. Für uns war eine sol­che Religion schon sehr fremd­ar­tig und unpas­send.

Um 10 Uhr war Pause und es gab die Schulspeisung der Amerikaner. Beim über­dach­ten Weg vor dem Schuleingang wur­de ein gro­ßer Behälter abge­la­den, vor dem wir uns alle anstell­ten, und jeder bekam einen gro­ßen Schöpflöffel Erbsensuppe oder Grießbrei mit Rosinen in sei­nen Essenstopf. Manchmal gab es auch etwas Besonderes – Kakao und Kuchen. Und dann sind wir im Schulhof her­um­ge­lau­fen wie alle Kinder, mit einer ein­zi­gen Ausnahme: der Jahnke Walter. Der hat sich immer als Soldat gefühlt, und dem­entspre­chend war sei­ne Sprache mili­tä­risch geprägt. Er kämpf­te auf dem Schulhofe stets mit einem unsicht­ba­ren Feinde, das Maschinengewehrfeuer war deut­lich zu hören – so, als ob immer noch Krieg gewe­sen wäre.

Wegen des wei­ten Schulweges durf­te ich im Winter mit der Eisenbahn von der Fasanerie nach Feldmoching fah­ren. Fahrkarten waren so kurz nach Kriegsende sehr teu­er und es fuh­ren erst weni­ge Züge. Für eine Schülerermäßigung muß­te die Schule ein Antragsformular aus­fül­len, das am Fahrkartenschalter vor­zu­le­gen war. Nur mit die­sem Antragsformular und der Fahrkarte zusam­men konn­te ich die Bahnsteigsperre pas­sie­ren und die zwei Kilometer mit der Eisenbahn fah­ren. Für mich war dies schon wie eine rich­ti­ge Reise, ganz auf mich gestellt, natür­lich in der III. Klasse mit Holzbank. Anfangs fuh­ren noch die schwar­zen preu­ßi­schen Coupé-Waggons, die außen lan­ge Trittbretter und zu jedem Abteil eine eige­ne Türe hat­ten. Das Einsteigen war auf­re­gend, weil es schnell gehen muß­te: Türe auf, alles besetzt, Türe zu – nächs­te Türe, das­sel­be – dann Halt! – Schwerbeschädigtenabteil! – schnell wei­ter – end­lich irgend­wo ein­fach zwi­schen die sit­zen­den Fahrgäste hin­ein­zwän­gen. Fertig! – Später fuh­ren die Züge mit den „Donnerbüchsen“, Waggons, die an bei­den Enden eine offe­ne Plattform hat­ten, und Scherengitter, die her­un­ter­ge­klappt wur­den. Von der zugi­gen Plattform aus hat­te man eine schö­ne Aussicht.

Vor der Fahrt leg­ten wir manch­mal ungül­ti­ge Reichsmarkmünzen auf die Schienen und lie­ßen sie vom Zug platt­wal­zen.

Ein ande­res Bild steigt bei der Eisenbahnfahrt wie­der aus der Erinnerung auf. Ich habe nach Kriegsende auf einem Abstellgleis des Schleißheimer Bahnhofes in lan­ger Reihe die von Tieffliegern zer­schos­se­nen und aus­ge­brann­ten Dampflokomotiven gese­hen. Mein Bruder und ich sind auf eine sol­che Dampflokomotive hin­auf­ge­klet­tert und wir haben uns im zer­stör­ten Führerhaus die ver­bo­ge­nen Hebel und gesprun­ge­nen Instrumente ange­se­hen. Dann sind wir über den getrof­fe­nen Kessel geklet­tert und vor­ne bei der Rauchkammertüre wie­der her­un­ter­ge­stie­gen. Ein unver­geß­li­cher Eindruck.

In der drit­ten Klasse hat­te ich Lehrer Amann. Die Zeit der Schiefertafel war been­det. Ab jetzt muß­ten wir mit Tinte in Hefte schrei­ben. Es man­gel­te an Schulbüchern, und sie wur­den des­halb von der Schule nur äußerst ungern aus­ge­ge­ben, vor allem die kost­ba­ren, aber zer­fled­der­ten Rechenbücher. Deshalb hat man uns in der Schule gesagt: „Mit eige­nen Büchern lernt es sich sicher bes­ser!“ Aber Bücher zu kau­fen war natür­lich für vie­le Eltern zu teu­er. Doch ein Buch hat­te auch ich von zu Hause. Es war das alte Religionsbuch mei­nes Bruders. Dieses Buch war aber nicht in der Deutschen Normalschrift, in Antiqua, gedruckt, son­dern noch in der alten Frakturschrift. Immerhin waren die Bilder die­sel­ben. Wenn ich dar­aus vor­le­sen soll­te, habe ich ein­fach gesagt, ich kann es nicht. Die Buchstaben sind alle so eckig, daß ich sie nicht lesen kann. Lehrer Amann hat erst gestutzt, nach­ge­schaut und dabei die Stirn gerun­zelt, und dann den nächs­ten Schüler auf­ge­ru­fen.

Eine wich­ti­ge Neuerung gab es in der drit­ten Klasse bei der Schreibschrift. Lehrer Amann hat das neu­ar­ti­ge g rie­sen­groß an die Tafel geschrie­ben. „Das g hat unten ein Eck“, hat er gesagt. Wir durf­ten jetzt beim klei­nen g unten die Schleife nicht mehr gebo­gen schrei­ben, wie bis­her, son­dern das g hat­te ab jetzt unten „ein Eck“ zu haben. Wehe dem, der kein Eck gemacht hat­te! Meine Mutter hat mir beim Schreiben der Hausaufgaben zuge­schaut, ich muß­te eine gan­ze Seite Wörter mit vie­len die­ser eigen­ar­ti­gen g schrei­ben, wie flüg­ge, Egge und Bagger, und sie hat den Kopf geschüt­telt. Aber im Laufe der Zeit wur­den die g in der Klasse natür­lich wie­der zuse­hends run­der. Kindern muß man ja alles hun­dert­tau­send­mal sagen. Deshalb erschien von Zeit zu Zeit das g immer wie­der rie­sen­groß an der Schultafel, und ich höre Lehrer Amanns schar­fe Stimme: „Das g hat unten ein Eck“…

Der Unterricht war für ihn häu­fig ver­zwei­felt anstren­gend, bis hin zur Erschöpfung. Die schlech­tes­ten Kinder hat­te er vor der Tafel im Kreise ver­sam­melt und müh­sam Aufgaben immer noch mit den Fingern rech­nen las­sen – anders ging es nicht. Lesen mit dem Finger Wort für Wort war ähn­lich schwie­rig, häu­fig war es nur ein Stottern. Die übri­gen Kinder muß­ten wäh­rend­des­sen untä­tig und still in ihren Bänken sit­zen. Irgendwann ist er hin­ter die Tafel zum Waschbecken gegan­gen und hat aus einem Schöpflöffel Wasser getrun­ken. – Oft ein wüten­des Herumschreien. Einmal hat er einen Schüler nie­der­ge­schla­gen, bis er blu­tend am Boden lie­gen­ge­blie­ben ist. Welch unglei­cher Kampf. Die Lehrkräfte waren sehr streng, und der Tatzenstock stand in der Ecke griff­be­reit.

Zum Stundenwechsel hat­ten wir kurz Gymnastik. Wir muß­ten in unse­ren Sitzbankreihen auf­ste­hen, und es wird wohl aus­ge­se­hen haben, wie wenn eine Kompanie Soldaten antritt. Dann bei­de Hände sich kurz umkrei­sen las­sen. Setzen!

Das Fach Heimatkunde wur­de von einem Referendar unter­rich­tet. Das war eine will­kom­me­ne Abwechslung. Er erzähl­te über die Stadt München im Mittelalter, und wir sahen Bilder einer unzer­stör­ten Stadt. Das wirk­li­che München hin­ge­gen war völ­lig anders. Eine Fahrt mit der wie­der­eröff­ne­ten Trambahn führ­te durch Ruinen, vor­bei an hohen Schuttbergen. – Eines aus der Heimatkunde aber bleibt mir unver­geß­lich in Erinnerung: die Durchführung einer mit­tel­al­ter­li­chen Hinrichtung am Galgen, mit­tels Zeichnung genau erläu­tert …

Der Schulunterricht war in der drit­ten Klasse immer nach­mit­tags. Im Sommer konn­te ich mit mei­nem Kinderfahrrad, das natür­lich gebraucht gekauft wor­den war, nach Feldmoching fah­ren. Die Verkehrsregeln waren damals noch im Anfangsstadium. Auf der Feldmochinger Straße, damals noch schmal und mit holp­ri­gem Kopfsteinpflaster, konn­ten wir tun und las­sen, was wir woll­ten, links fah­ren, rechts fah­ren, frei­hän­dig fah­ren, fah­ren ohne Licht, jeman­den auf dem Gepäckträger oder Lenker mit­neh­men, zu viert in der Mitte der Straße gehen. Und die Verkehrszeichen? Es gab nur das Schild „Achtung Bahnschranke“ in der Fasanerie. Aber es gab schon ein Preisausschreiben für rich­ti­ges Verkehrsverhalten, und mein Bruder Heini reim­te beim Frühstück sofort eine neue, ein­präg­sa­me Verkehrsregel: „Fahre rechts und auf dem Radweg, sonst sind dir gleich zwei Mark weg.“ Doch einen Radweg gab es hier weit und breit nir­gend­wo, und Autos begeg­ne­ten einem höchst sel­ten. Das wich­tigs­te am Fahrrad war ein Schloß zum Absperren, denn Räder waren wert­voll und wur­den oft gestoh­len.

Eines Tages erschien die Ortspolizei im Schulhof. Fahrradkontrolle, mit­ten im Unterricht. „Warum hat das Fahrrad kein Licht?“ – „Weil ich nachts nie fah­re.“ – „Aber die Vorderradbremse geht auch nicht.“ – „Ja, ich fah­re ja ganz lang­sam.“ – „Das muß aber gerich­tet wer­den!“ – „Jawohl!“ Die Vorderradbremsen von damals, falls sie über­haupt funk­tio­nier­ten, waren aber so gebaut, daß man eher stür­zen als brem­sen konn­te, man hat es ger­ne sein las­sen, sie zu benüt­zen.

Eine Fahrrad-Kettenschaltung war äußerst sel­ten zu sehen. Mein älte­rer Bruder träum­te jedoch schon damals von einem Rennrad, das unbe­zahl­bar war. Er hat sich sel­ber aus gefun­de­nen Teilen ein Rad zusam­men­ge­baut – natür­lich ohne Gangschaltung, aber mit einem gebo­ge­nen Rennlenker. Der Rahmen wur­de blau gestri­chen und – damit es schnit­ti­ger wirk­te – mit wei­ßen Zierlinien ver­se­hen, wodurch es immer­hin schon renn­rad­ähn­lich aus­sah. – In einer Unterrichtsstunde sind wir nach Pflanzen gefragt wor­den. Und wir haben halt auf­ge­zählt, was wir auf den Äckern wäh­rend des Heimweges alles ent­deckt hat­ten. Der Bichler Theo hat­te „Soachruam“*) gese­hen, gemeint waren Weißrüben, aber das getrau­te er sich nicht zu sagen, denn die­ses Wort stinkt ja gera­de­zu nach Urin, des­halb sag­te er höf­lich „Seichrüben“ – und patsch, schon hat­te er eine Watschen ein­ge­fan­gen.

Ein Besuch im Münchner Marionettentheater fällt mir zum Schlusse noch ein. Jeder Schüler, ange­fan­gen in der lin­ken Bankreihe am Fenster, muß­te her­nach im Unterricht nach­er­zäh­len, was er im Theater gese­hen hat­te, eine Stunde lang gleich­för­mig immer wie­der das­sel­be. Dann kam schließ­lich ich dar­an. Ich erzähl­te aber dem Lehrer Amann etwas viel Spannenderes: wie die neue Wasserleitung vor unse­rem Hause von einer Tiefbaufirma gelegt wur­de, in allen Einzelheiten, die ich genau beob­ach­tet hat­te. Das hat Lehrer Amann offen­sicht­lich sel­ber bes­ser gefal­len, nach­dem er fünf­zig­mal das glei­che gehört hat­te. Er hat gleich mit­ge­dacht und mich immer wie­der ver­bes­sert …

Irgendwann in die­ser Zeit sind wir nach dem Unterricht gemein­sam von der Schule zur Feldmochinger Kirche hin­über­ge­gan­gen. Die seit dem Kriege feh­len­den Glocken wur­den wie­der empor­ge­zo­gen. Und dann wur­de eine lan­ge, fried­li­che, bes­se­re Zeit ein­ge­läu­tet. Nach mei­ner lan­gen Wanderung durch die weit zurück­lie­gen­de Vergangenheit betrach­te ich ein letz­tes Mal nach­denk­lich das Mosaikbild und die Inschrift am neu­en Schulhause: Das Volk ver­jüngt sich ewig in sei­ner Jugend.

Harald Landgraf, September 2005


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